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Kapitel 1

Der Kies knirschte, als der alte graue Kombi aus der Einfahrt fuhr. Mum schloss das Tor und rief uns hinterher: „Fahrt vorsichtig!“ „Ich ruf dich nochmal an, wenn wir in den Flieger steigen, okay?“ Ich winkte nochmal, dann fuhren wir los. Der Wagen rüttelte mich durch, Conrad schien das gar nicht zu stören. Freiheit. Drei Tage dauerten die lang erhofften Sommerferien bereits an, wobei ich die meiste Zeit im Bett verbracht habe, um mich von der Schulzeit zu erholen. Alle Klassenkameraden machten spektakuläre Reisen an die tollsten Orte der Welt. Und ich? Ich flog mit meinem Halbbruder zu meiner Tante, die in Panama wohnte! Panama an sich hört sich ja recht interessant an, doch nach ein paar Gesprächen mit Conrad musste ich wohl oder übel erfahren, dass diese Frau sehr pingelig, empfindlich und hygienisch war. Wirklich sehr, auf schlimme Weise. Der beißende Geruch des Desinfektionsmittels würde gemeinsam mit Putzmittelduft das gesamte Grundstück penetrieren, sagte Conrad. Und mit Grundstück meinte er ein gepflasterter und steriler Platz ohne jegliche Hinweise auf Natur. Man dürfe nichts anfassen, sich nicht zu schnell oder viel bewegen und alles, was Dreck verursachen könnte oder Spaß machte, war sowieso grundsätzlich verboten. „Was macht sie denn dann den ganzen Tag?“, hatte ich mal gefragt. „Putzen. Und stricken.“, erwiderte Conrad ausdruckslos. Und damit wurde meine Vorstellung unseres „Urlaubes“ definitiv zum absoluten Horror.

„Hey Mama“, sprach ich in mein Handy und versuchte so fröhlich wie möglich zu klingen. „Alles okay?“, fragte Mum, die mich offenbar doch viel zu gut kannte. „Ist Conrad nett zu dir?“ Genervt verdrehte ich die Augen. „Ja, ist er“, seufzte ich. Ich verstand mich eigentlich schon immer gut mit Conrad, wobei Mum immer noch glaubte, dass es nicht so sei. Das lag an ihrer Beziehung zu Conrads Mutter. Diese war schon knapp sechs Jahre mit Dad verheiratet gewesen, als er sie mit Mum betrog. Das Problem war, dass weder Mum noch Conrads Mutter von der jeweils anderen wussten. Und so bekam Mum auch ein Kind von ihm, mich, und naja, irgendwann musste die Wahrheit ja rauskommen, und beide verließen ihn. Trotzdem, oder genau deswegen war die Situation zwischen den beiden etwas angespannt. Naja okay, sie hassten sich abgrundtief. Das tat dem Verhältnis zwischen mir und meinem Halbbruder jedoch keinen Abbruch. Außerdem stellte sich dann, wenn man Mums Sorgen sah, auch die Frage, wieso sie uns zur Hölle gemeinsam nach Panama, zu der Tante unseres Vaters schickten. Doch Logik war meiner Ansicht nach sowieso noch nie die Stärke Erwachsener gewesen, also ließ ich es kopfschüttelnd geschehen.

„Also ist alles in Ordnung“, wiederholte Mum. „Jaa, das sagte ich doch bereits“, murrte ich. „Natürlich, mein Schatz, ich wollte es nur nochmal wortwörtlich aus deinem Mund hören“, beschwichtigte sie. „Gut, dann…“ Ich unterbrach sie. „Der Flieger kommt, ich muss aufhören! Tschüss!“ Bevor sie antworten konnte, legte ich auf.

1.7.16 15:25
 
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